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Black Europe

Schwarze Musik in Europa

Ohne Zweifel, in der norddeutschen Tiefebene, so in der Gegend um Bremen herum, liegt ein Nest mit Verrückten. Chef und Gründer dieser Bande ist Richard Weize. Der neueste Streich seines weltweit berühmten Label Bear Family ist die 44 (vierundvierzig - nachgezählt und überprüft) CDs umfassende Box über schwarze Musik in Europa. Dass es bei dieser Anzahl von Silberlingen geblieben ist, liegt wohl daran, dass die Macher von „Black Europe“ nur die Jahre vor 1927 ins Visier genommen haben - die frühen Jahre des Pop also, als der noch eher als Jazz, Chanson oder Music Hall und Vaudeville daher kam. Damit kann kein Geld gemacht werden, aber das kümmert halt so richtig niemanden und damit es dann auch ein begehrtes Schnäppchen wird - zu einem Preis von 499 Euro - ist die Box weltweit auf 500 Exemplare beschränkt.

Nun wäre es ein Leichtes gewesen - leicht ist hier als Wortspiel zu verstehen - „einfach nur“ die 1244 Titel der Sammlung schön verteilt auf die CDs zu pressen, dann rein in die Kiste und raus in die Läden. Wäre es gewesen, aber ersten kostet so ein altruistisches Projekt eine Menge Vorarbeit, eine Menge Schweiß, eine Menge Zeit in vielen verstaubten Archiven und vor allem eine Menge Verrücktheit (s.o.) und es wäre nicht Richard Weize, würden da nicht auch gleich weltweit Experten des Themas als Autoren der Begleitbücher herangeholt werden. Denn natürlich und das ist Bear Family Tradition, keine Box ohne in die Tiefe gehendes Beibuch, im Fall von „Black Europe“ wurden es zwei mit insgesamt 600 Seiten. Und wenn dann die Box geöffnet ist, weiß der geneigte Hörer gar nicht wo anfangen. Klar könnte man ganz chronologisch vorgehen und mit der Nummer 1 beginnen, doch davor haben die Musikgötter das eigene Empfinden gesetzt und dreht sich dann als Erstes die Nummer 6, weil da eben The Savoy Quartet seinen Einstand gibt und die kennt man, weil irgendwann ist man über Aufnahmen wie „Swanee“ (1919) der Band gestolpert. Ihren Namen haben die vier wohl vom Ort ihres Wirkens, dem Londoner Savoy Hotel, in dem sie zwischen 1915 und 1920 zu hören waren. Und nachdem die Frage „Where Did Robinson Crusoe Go With Friday On Saturday Night?“ geklärt ist, geht es weiter mit der Nummer 24. Hier erwarten das Ohr Klänge der Pariser Weltausstellung von 1900 und Musik der Griots - Musikethnologie der frühen Jahre also, einst auf Wachswalzen gebannt. Dass hier überhaupt noch was zu hören ist, verdanken wir den guten Restaurateuren der Bärenfamilie. Und apropos „frühe Jahre“ - bereits auf der CD 23 sind die ersten Aufnahmen einer gewissen Josephine Baker zu genießen, jener Dame, die dann mit Bananenröckchen den Pariser Herren der swingenden 20er den Kopf verdrehte. Jazzfans werden ihre Freude an CD 38 & 39 haben, lässt hier doch Josiah Ransome-Kuti, Großvater des berühmten Afrobeat“gründers“ und Saxofonisten Fela Anikulapo Kuti, erahnen, von wem sein Enkel das Musikerblut geerbt hat.

Doch genug der Aufzählerei. Kann man so einem Projekt wirklich Kritik entgegenbringen. Im Prinzip nicht, der Schreiber könnte anmerken, dass nicht alles neu ist in dieser Box und einiges bereits veröffentlicht worden war. Doch lassen wir das Pferd auf dem Flur, allein die Fülle des zusammengetragenen Materials verdient eine Verbeugung - und in so geschlossener Form hat man die schwarze Musik in Europa noch nie verfolgen können. Diese Box ist nicht mehr - aber auch nicht weniger als eine Meilenstein in der Geschichte jener Musik, die wir heute so gerne und oft auch schnöde als Schlager oder Pop bezeichnen. Hier liegen die Wurzeln, hier hat alles begonnen (jedenfalls teilweise). Und ob nun Jazzfan oder Weltmusiker, Freak oder Wissenschaftler, wir können diesen Verrückten in der norddeutschen Tiefebene nur dankbar sein, dass sie so eine Macke haben - diese Art von Macken braucht nicht nur die Musikwelt. So ein Projekt hilft; hilft Menschen zu verstehen, ihre Kultur und baut Vorurteile ab, ohne als Oberlehrer und Besserwisser daherzukommen. Uwe Golz